Im Wienerwald

Das tolle an Wien ist, du nimmst entweder die Straßenbahn hinein in die Stadt oder die Straßenbahn hinaus ins Grüne. Die einen gehen am Samstag auf die Mariahilferstraße, ich geh in den Wienerwald. So stapfte ich auch heute los. Die Sonne suchte einen Weg durch die Wolken, aber es reichte nur für eine Hintergrundbeleuchtung der Wolkendecke. Das Wolkenlicht legte sich über die nassen Blätter am Waldboden, hellte die glatten, grauen Buchenstämme auf und setzte sich tief in die breiten Furchen der knorrigen Eichen. Ich hörte den Vögeln zu, beim Zwitschern und Rascheln, freute mich über die vielen Eichhörnchen, die so gschäftig umherhuschten, manchmal nur ihr buschiger Scheif sichtbar. Da ich eine Weile weder Menschen noch Hunden begegnet war, hatte ich das Gefühl, der Wald gehört mir ganz allein. Ich atmete die Ruhe, sah in jedem Gatschklumpen ein Naturkunstwerk und … plötzlich brauste von rechts eine Lärmwelle den Hang herunter. Aus dem nichts kamen 5 Kinder und 3 Erwachsene, die Kinder laut, sehr laut. Sie erzählten sich schreiend irgendwas – oder war ich vielleicht überempfindlich? Ich blieb stehen, um die Schar mit all ihrem Stimmvolumen vorüberziehen zu lassen. „Ich hab eine super Idee!“, kreischte das etwa 12-jährige Mädl ihren Freunden, Freundinnen und/oder Geschwistern zu. „Wir singen alle auf einmal <Last Christmas>, okay?“ „Nein!, ganz und gar keine super Idee!“, schrillte es in mir, doch ich schluckte mein Entsetzen hinunter, ich konnte ja schlecht die Kinder anfahren. „Eins, zwei, drei: LAST CHRISTMAS I GAVE YOU MY HEART BUT THE VERY NEXT DAY …“ Sie brüllten den Refrain immer und immer wieder. Wham!-jamming, wie in den Einkaufszentren. Und dann waren die Stimmen weg, das Lied weg, das Geschrei weg. Und ich hörte den Vögeln zu, beim Zwitschern und Rascheln, freute mich über die vielen Eichhörnchen, … und ging weiter durch meinen Wald, ganz in Ruhe.

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Bild in Weiß

Sie steht am Fenster
Bettwärme umhüllt ihren Körper
der Boden kalt unter den Füßen
ihr Blick ins Weiß

Stille
bedeckt mit Zauber
die Wiesen, Bäume, Dächer
die Wege, Zäune, Autos
ein Bild in Weiß

Stille
taucht in ihre Augen tief
segelt in Flocken in ihre Seele
bettet sich sanft
im Blick das Weiß

Stille
eingewoben im frischen Schnee
sie steht am Fenster
Ruhe umspült ihren Körper
ihr Blick ganz weich

Ratschkattl * – neulich auf der Straße

Basena0761_blog„Sprechen Sie Deutsch?“ Ähem, ich schaute mich um, aber ja er meinte mich und ja ich stand auch wirklich bei der D-Haltestelle in Wien. Kurz hatte ich gedacht, ich wär heimlich verreist. „Deutsch?“, fragte ich nach. Der junge Mann nickte, strahlte mich stolz an und dann bat er mich mit starkem Akzent aber (fast) korrektem Deutsch um Geld für eine Leberkäs-Semmel. Das passte irgendwie alles nicht zusammen, ich schüttelte den Kopf, nicht so sehr sein Anliegen ablehnend, als meine Verwirrtheit abbeutelnd. Die Straßenbahn kam, „ich kann nichts geben“ murmelte ich, er sagte „schönen Tag“ und ich fuhr weg. Und dann, dann war ich verärgert, über mich, denn er hätte sich für die Einleitung allein Unterstützung verdient, und ein kurzes Gespräch.

*Die Ratschkattl in meiner Definition, ist eine begeisterte Erzählerin von belanglosen Alltagsbegebenheiten.

Wortgeraschel

 

Was hab ich zu alledem zu sagen? Nichts!

Sturmböen ziehen durch das Land, durch die Welt. Emotionen kreischen in höchster Frequenz. Anschuldigungen, Meinungen, Angstmache, Widerlegungen schleudert es durch die Luft. Empörungsgeladen wird Stellungnahme eingefordert.
Ich weiche aus. Meine Ohren konzentrieren sich darauf, das Gleichgewicht zu halten. Ich lasse die einzelnen Worte an mir vorbeirieseln. Wie Herbstblätter umtanzen sie mich. Worte sind meine Freunde. Zurzeit lassen sie mich in ihrem Schatten ausruhen, verstehen meine Sehnsucht nach ErklärungsSTILLstand.
Sie berühren mich in ihrer Buntheit, legen sich sanft zu meinen Füßen. Sie sind bereit, sich stimmkräftig aufwirbeln zu lassen, doch sie sind auch mal ganz still, fordern nichts. Verweben sich zu einem Teppich, auf dem ich mich niederlasse, innehaltend.

 

Himmlisch

Du spürst das Holz unter deinen Füßen.
Du schaust tief hinunter in den Himmel.
Du schaust hoch hinauf in den Himmel.

Du schaust in den Himmel zu deinen Füßen.
Du siehst wie die Wolken unter dir vorbeiziehen.
Deine Augen zwinkern, sie lassen den Verstand links liegen.
Die Sonne will durch die Wolken zu dir heraufklettern.
Dein Blick bohrt sich ins Blau und fällt.
Dir wird leicht schwindlig, die Tiefe wird zur Höhe.
„Wenn ich jetzt springe, lande ich in den Wolken und werde nass.“
Ein Lächeln setzt sich auf deine Lippen.
Eingebettet.
Der Himmel über dir, der Himmel unter dir.Der Himmel im Schattensee

Henry David Thoreau
„Der Himmel ist genauso unter unseren Füßen wie über unserem Kopf.“

Tage wie dieser

Der Tag, der einfach beginnt
Der Tag, der nur gewinnt
Der Tag, der Antworten bringt

Der Tag, der ohne zu fragen anfängt
Der Tag, der ohne Fragen auskommt
Der Tag, der mich fragend anschaut
Der Tag, der nichts als Fragen aufwirft
Der Tag, der sich selbst in Frage stellt

Der Tag, der aus der Nacht herausplatzt
Der Tag, an dem alles passt
Der Tag, der mich abpasst
Der Tag, der auf mich aufpasst

Der Tag, der an die Tür klopft
Der Tag, der alle Fenster aufreißt
Der Tag, der sich Raum verschafft
Der Tag, der in den Keller fällt

Der Tag, der schon da ist
Der Tag, der noch kommt
Der Tag, der dem anderen folgt
Der Tag, vor dem ich ausruhe
Der Tag, für den ich ausruhe

Der Tag, der weiß, was er will
Der Tag, der weiß, was ich will
Der Tag, der mir geschenkt ist
Der Tag, der mich geschenkt will

Ich bin die Gästin

Ich baute munter drauf los, weil’s einfach Spaß macht zu spielen, absichtslos, … und dann stand plötzlich eine Kuh vor mir. Im Rückwärtsgang machte ich noch schnell ein Foto und weg war ich.


Jetzt das Bild betrachtend denke ich, mein Land Art ist eine Art von Kataster. Ein Register der Weideflächen und auf jeder steht zumindest eine Kuh. Willkommen in der österreichischen Almlandschaft.

Kennst du das Kribbeln in der Magengrube, wenn du über den Weidezaun steigst vor dem ein Schild dich vor den beschützenden Mutterkühen warnt?
Kennst du das, wenn du kurz danach ein süßes Kälbchen siehst, das mitten am Weg steht und dir unmittelbar nach dem instinktiven „moi süß“ der Schrecken einfährt?
Kennst du das, wenn du ganz knapp an einer Gruppe liegender, kauender Kühe vorbeigehst und plötzlich stehen sie alle auf?
Kennst du das, wenn du dich freust, von den Kühen völlig ignoriert zu werden?
Kennst du das, wenn du beim Verlassen der Weide eine gewisse Erleichterung verspürst?
Kennst du das, wenn du nach drei Schritten – nach Sichtung von riesigen, frischen Kuhfladen – erkennst, du bist nur auf einer anderen Weide, mit anderen Kühen?
Kennst du das, wenn du den Stock, den du als Kuh-Distanz-halt-Prävention aufgehoben hast, beim ersten Aufsetzen auf den Boden krachend bricht und sich alle Kuhköpfe vom Grasen aufrichten um dich anzusehen?
Kennst du das, wenn du dich bei deinem Kuh-Distanz-halt-Stock bedankst weil du ihn nicht verwenden musstest und ihn dann sorgsam am Wegesrand platzierst?
Kennst du das, wenn du durch den Wald gehst und Kuhglocken hörst, du aber keine Kuh siehst?
Kennst du das, wenn du dir ganz sicher bist, die Kühe kommen immer näher, denn die Glocken werden eindeutig immer lauter, du schnell deine Jause einpackst und dann feststellst, die Kühe können gar nicht näher kommen, denn da ist ein Zaun zwischen dir und denen?
Kennst du das, wenn du denkst, warum sind die Kühe IMMER mitten auf deinem markierten (!) Wanderweg?
Kennst du das Erstaunen, wenn du „bleib“ sagst und der junge, neugierig auf dich zu trottende Stier bleibt tatsächlich stehen?

Ich bin die Gästin im Lebensraum der Kühe, das wird mir immer klarer. Ihre Gastfreundschaft gilt es zu würdigen.